Folgender Beitrag, erschienen in der Märkischen Oder-Zeitung am 24.02.2010, umreißt die allgemeine Problematik der Barrierefreiheit und den Schwierigkeiten des Arbeitsmarktes für Schwerbehinderte.
Allgemein
Folgender Beitrag, erschienen in der Märkischen Oder-Zeitung am 24.02.2010, umreißt die allgemeine Problematik der Barrierefreiheit und den Schwierigkeiten des Arbeitsmarktes für Schwerbehinderte.
Wenn die Maus zu schwer wird
Von Alexander Kempf
Im Januar waren in Frankfurt (Oder) 305 Schwerbehinderte arbeitslos gemeldet. Sie stellen rund sechs Prozent aller Erwerbslosen in der Oderstadt. Laut dem Sozialgesetzbuch sind sowohl private als auch öffentliche Arbeitgeber, die über mindestens 20 Arbeitsplätze verfügen, gesetzlich dazu verpflichtet, wenigstens fünf Prozent dieser Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen zu besetzen. Geschieht das nicht, muss ein Betrieb Ausgleichsabgaben entrichten. In der Frankfurter Agentur für Arbeit sind 6,6 Prozent der Mitarbeiter schwerbehindert. Einer von ihnen ist der 24-jährige Student Sebastian Stuschka.
Wenn im Fernsehen Turniertanz gezeigt wird, kommen Sebastian Stuschka noch heute die Tränen. Er sei ein guter Tänzer gewesen. "Ich hatte richtig kräftige Oberschenkel", sagt er. Heute ist Sebastian Stuschka der erste Rollstuhlfahrer in der Agentur für Arbeit in Frankfurt. Es sind 21 Treppenstufen bis in das Zimmer 141 in der Heilbronner Straße 24. Hier sitzt er. In einem schwarzen Rollstuhl. Seit September studiert der 24-Jährige Arbeitsmarktmanagement an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Schwerin. Der duale Studiengang sieht ständige Wechsel zwischen Theorie und Praxis vor. Gerade ist Sebastian Stuschka wieder für vier Monate in der Heimat.
Von seinem Fenster aus blickt der Student auf die Kreuzung an der Hauptpost. "Hier ist immer etwas los", sagt er. Das Fenster öffnen könne er nicht. "Die rechte Hand hat es schwer erwischt", sagt er. Ein französischer Chirurg wird sie sich bald ansehen. "Sie wird vielleicht noch operiert", sagt Sebastian Stuschka. In seinen Worten klingt Hoffnung mit. Seit einem Unfall im Februar 2008 geht ihm nichts mehr leicht von der Hand. Aufgegeben hat er sich nie. Vor seiner Tastatur liegt ein Touchscreen. Dem Schwerbehinderten fehlt die Kraft, die Maus seines Computers zu bewegen.
Ob Schlaganfallpatienten oder Unfallopfer - als schwerbehindert gilt, wem eine Behinderung von mehr als 50 Prozent bescheinigt wird. In Frankfurt betreuen die Mitarbeiter der Agentur für Arbeit insgesamt 306 arbeitslose Schwerbehinderte. "Das sind sechs Prozent der Arbeitslosen insgesamt", erklärt der Pressesprecher der Agentur, André Schulz. Erfreulicherweise sank die Zahl im Januar 2010 um neun Prozent im Vergleich zum Vormonat. Laut dem Sozialgesetzbuch sind private und öffentliche Arbeitgeber, die über mindestens 20 Arbeitsplätze verfügen, gesetzlich verpflichtet, wenigstens fünf Prozent dieser Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen zu besetzen. Kommen die Arbeitgeber der Verpflichtung nicht nach, haben sie eine Ausgleichsabgabe pro unbesetzten Pflichtplatz zu zahlen. Die Höhe der Abgabe ist abhängig davon, wie viele Stellen tatsächlich von Behinderten besetzt werden.
In der Frankfurter Agentur für Arbeit liegt der Anteil schwerbehinderter Mitarbeiter bei 6,6 Prozent. Laut Sebastian Stuschka ist die Stadt Frankfurt aber noch lange nicht behindertenfreundlich. "In Frankfurt ist es egal, ob ein Niederflurwagen oder eine alte Straßenbahn fährt, man kommt mit dem Rollstuhl nicht hinein", sagt er. Am 1. April wird der Student in Frankfurt heiraten. Der erste Besuch im Standesamt war eine Katastrophe. Im ersten Stock hat eine Rampe 45 Prozent Gefälle. "Das schafft kein Rollstuhlfahrer", sagt er. Frankfurt tue zu wenig, um auf den demographischen Wandel angemessen zu reagieren. Doch der Student schreibt sich nicht ab. Er schreibt Eingaben an das Rathaus.
Ein Autounfall veränderte Sebastian Stuschkas Leben. Der als hervorragend geeignet gemusterte Offiziersanwärter brach sich den vierten und fünften Halswirbel. Nach Auslandsaufenthalten in Argentinien und Österreich fühlte er sich erstmals in seinem Leben wie gefesselt. Doch er gibt nicht auf und hat sich mit Hilfe der Agentur für Arbeit neu orientiert.
Mittwoch, 24. Februar 2010 (08:00)